Rede zur Ausstellungseröffnung von Eberhard Roters
Neulich war ich zum zweitenmal in Wolfgang Petricks Atelier am
Schlesischen Tor, wo er seit einiger Zeit haust. Das Atelier befindet
sich in einer alten Fabriketage direkt an der innerberliner Grenze
mit einem fabelhaft silberluftkämmernden Blick über die
Spree und die Berliner Mauer hinweg nach Ost - Berlin. Möwen
kreisen dort. Als ich zum erstenmal dort war, das liegt eine Reihe
von Monaten zurück, war der Innenraum in seinen stereometrischen
Formen noch als solcher zu erkennen. Das hat sich inzwischen geändert.
Der Raum ist zugewachen; ein Dschungel ist aufgewuchert, ein Farbdschungel
mit feurigen und finsteren Nischen, ein Bilderdschungel; eine Verwandlung
ins Organische hat stattgefunden. Bilder, Materialien, Stifte, Papier,
Leinwände, Holzlatten, Gasmasken und Wolfspelze, alles ist
zu einer Art Malurwald zusammengewachsen. Der Fußboden ist
ein Moosteppich aus Farbe. Petricks neue Bilder sind aus dieser
selbstgezeugten Landschaft gleichsam herausgewachsen.
Bevor ich ging, zog Petrick irgendwo eine alte Zeitung hervor
und zeigte sie mir. Eine alte illustrierte aus dem zweiten Weltkrieg:
Titel: "Das illustrierte Blatt, Die Frankfurter Illustrierte"
vom 30 August 1941. Das Titelphoto trägt die Unterschrift:
"Es war zwei Tage versprengt". Es zeigt zwei Soldaten
der Wehrmacht, einen mit Stahlhelm und ganz im Vordergrund einen
Verwundeten mit Kopfbinde und dreckiger zerknautschter Uniformjacke,
dem das Grauen des Krieges unmittelbar in die Gesichtszüge
gezeichnet ist. Dieser vom Krieg deformierte Krieger, verletzter
Körper und verletzte Seele - ist ein Beispiel für ein
Grundmotiv von Petricks Malerei: der verletzte Mensch, die verletzte
menschliche Gestalt, das verletzte Menschenbild. Es geht dabei um
die Verletzungen, die sich der Mensch selbst zufügt, durch
die Erfindungen seiner eigenen Zivilisation. Im Hinblick auf Verletzungs
- und Tötungsinstrumente ist der Mensch sehr erfindungsreich.
Er setzt das harte gegen das Weiche ein. Das Weiche sind wir selbst
in unserer natürlichen Gestalt. Wir schaffen uns unsere eigene
Hölle. Wir tragen den Teufel in uns und brauchen dafür
keinen mehr von außen. Das ist Petricks Thema: das Harte gegen
das Weiche, die Deformation der menschlichen Gestalt. In Petricks
Atelier kann man die Provokateure entdecken, die ihm den Stoff für
seine Assoziationen liefern und ihn anregen, Zeitungsausschnitte,
Photos von Unfällen, Photos vom Krieg, medizinische Photos.
Seine langjährige Bibel ist ein altes illustriertes Handbuch
der Gerichtsmedizin.
Das Atelier am Schlesischen Tor ist nicht Petricks erstes, das
ich besucht habe, ich kenne sie allmählich alle. Es ist immer
dasselbe. Allmählich wachsen sie mit Farbe, Gegenständen
und Bildern zu, und irgendwann zieht er dann um in ein größeres.
Petricks erste Bilder habe ich in der Großgörschenstraße
35 gesehen. Petrick gehört ja zu den Mitbegründern jenes
inzwischen legendären Genieschuppens, aus dem der Berliner
Nouveau Realisme hervorgegangen ist. Seine früheren Bilder
wirken heute noch ganz frisch. Stilistisch sind sie in ihrer kruden
Erzählerfreude irgendwo zwischen Ensor und Dubuffet angesiedelt.
Petrick gab ihnen damals Titel wie etwa "Haubenleute"
und "Schlimme Leute" und "Die langen Grünen".
Es wurde mir schon damals klar, worauf die Wirkung von Petricks
Bildern zurückzuführen ist. Zum Malen gehört nämlich
nicht nur die oft zitierte Betroffenheit an der Welt, in der wir
heute leben, sondern zum Malen gehört auch Lust. Petrick war
schon immer ein Maler, dem das Malen Spaß macht. Darauf kommt
es an, und das unterscheidet ihn von manchen seiner Kollegen, die
sich darum bemühen, ihr moralisches Programm zu illustrieren.
Dabei kommt meist nur Miesepeterei zustande aber keine Kunst. In
der Kunst geht es nicht um den erhobenen Zeigefinger. Der Künstler
ist kein Moralist, jedenfalls nicht in erster Linie. Er ist nicht
in erster Linie der Moral der Inhalte verpflichtet, die er darstellt,
- dann entstünde keine Kunst, sondern, wie wir es gerade im
realistischen Bereich immer wieder erleben können, allenfalls
Allegorie - Lehrgedicht - Brot für die Weltmalerei.
Sondern der Künstler ist hauptsächlich seiner Lust zum
Malen verpflichtet, mit anderen Worten: der Farbe, dem Strich, der
Intuition, die unmittelbar von Farbe, Strich und Pinselzug ausgeht.
Die Eingebung der Farbe ist die Wirklichkeit des Malers, sie allein
gibt ihm die moralische Intuition seines Handelns. Wenn er sich
darauf verläßt, d.h., wenn er ganz allein auf sich selbst
verläßt während der Arbeit, wenn er seiner Intuition
folgt, dann erschließt sich der schöpferische Vorgang,
und das Bild wird nicht zu einer toten Allegorie, sondern es bleibt
lebendig und gestaltet sich von selbst zum Zeichen der Zeitepoche,
in der es entstanden ist. Denn es liefert uns ein Abbild und Inbild
des Epochenbewußtseins nicht von der Moral seiner Oberfläche
her, sondern aus seinen Tiefern und Untergründen, auch aus
den unterbewußten und unbewußten Quellen. Bilder des
Unbewußten, Bilder aus der Zone dicht unter der Oberfläche
unseres rationalen Bewußtseins werden nach außen befördert.
Damit wird das Rationale nicht geleugnet, aber auch das Irrationale
nicht. Es läßt sich nicht verhehlen, daß der Mensch
der nach Rationalität strebt, auch von seinen irrationalen
Komponenten abhängig ist. Wer sie unterdrückt, macht sich
was vor. Rationale und irrationale Komponenten bestätigen einander
und greifen ineinander. Daraus geht der Spiegelungsprozeß
im Zusammenhang unseres inneren und äußeren Lebens hervor.
In diesem Sinne ist der Maler ein Medium. Petrick ist solch ein
Medium.
Damit bin ich schon mitten in der Beschreibung der Wirkungsgeheimnisse
von Petricks Malerei.
In den expressiv - fgurativen Bildern seiner Frühzeit gelangte
Petrick seit Mitte der sechziger Jahre zu einem drastischen Realismus
mit manchen formalen Slapstick - Einlagen im Einbau von Bildsperren
und in der Art der Umsetzung des Verletzungsmotiv. Das war nie im
vollen Sinne ein "Realismus", sondern enthielt zahlreiche
surrealistische und dadaistische Komponenten in der Konfrontation
und Zusammenfügung des Nichtzusammengehörigen. Schon damals
zielte Petricks Kunst auf die Hintergründe. Seit Motiv war
die Verdinglichung des Menschen, der Zusammenstoß von Mensch
und Maschine, des Organischen mit dem Mechanischen, des Menschen
und des Roboters. Petrick entdeckte die verschiedensten Formen der
Vermummung; die Strumpfmaske, den Stahlhelm, den Taucherhelm, den
Astronautenhelm, die Zipfelmütze, dem Motorradhelm, Aggressions
- und Schutzmasken.
Tim Gierig hat 1988 im Katalog der Frankfurter Ausstellung darauf
hingewiesen. Petricks Thema ist "der mit seinen Gerätschaften
verwachsene Mensch". Es starren Waffe und Prothese. Froschmänner
und Staubsaugeramazonen betreten die Bühne.
Der nom de guerre "Kritischer Realismus", den die Gruppe
damals trug, erweist sich im Nachhinein als eher zudeckend als erhellend.
In jenen Jahren erwarb sich Petrick einen Namen vor allem als ein
fulminanter Zeichner.
In den achtziger Jahren vollzog sich in Petricks Schaffen auch
für diejenigen, die sein Werk gut kannten, eine erstaunliche
Explosion ins Malerische. Die Farben barsten in die große
Dimension. Tim Gierig bezeichnet diesen Schritt als eine Kehr vom
Sachlichen ins Mythische. Diese Formulierung möchte ich freundschaftlich
modifizieren. Ich schlage vor, nicht von einer Kehr, sondern von
einer Öffnung zu sprechen, weniger ins Mythische, sondern ins
Visionäre, eine Öffnung zum Visionären.
Es ist festzustellen, Petrick hat den Kontakt zur Zeitkritik,
zum schmerzlichen Erleben der Entfremdung des Menschen von seiner
Umwelt durch die von ihm selbst geschaffenen Dinge, nicht verloren.
Das Grundproblem, die Verdinglichung des Menschen, ist geblieben.
Aber die ganz anderen Mittel mit denen er jetzt an die Malerei herangeht,
die malerische Bewältigung der Visionen im großen Format
führen zu einer gewaltigen, drängenden und bestürzenden
Wirkung, die von den großen Leinwänden ausgeht: ein Wasserfall,
ein Feuer, ein Sturm, ein Bergrutsch, ein Gewitter, ein schlagendes
Wetter, das alles zugleich. Gierig spricht vom "Unaufhaltsamen
Strom einer späten Sintflut".
Die Entstehungsmotivationen der ausgestellten Bilder sind vielschichtig.
Petrick ist angeregt durch Albrecht Dürers bekannten Kupferstich
"Ritter,Tod und Teufel". Er hat mir gesagt, was ihn an
diesem Blatt provoziere, sei die hierarchische Auffassung des Motivs.
Jeder hat in diesem Bild seinen für immer vorgeschriebenen
Platz, der Ritter, der Tod und Teufel. Der Ritter hat sich in seinen
Panzer eingezwängt. Er hat seine Weichheit mit Härte umkleidet.
Er hat sich zum Krebs gemacht. So reitet er, anscheinend vor aller
Anfechtung geschützt, zwischen Tod und Teufel hindurch, in
der Hoffnung von seinen Feinden nicht geknackt zu werden. Das ist
das Urbild des Kriegers. Er ist Täter und Opfer in einem. So
einfach ist das aber nicht mehr. Die Hierarchie ist zerstört.
Hier möchte ich wieder auf das Bild des Verwundeten in der
Kriegsillustrierten hinweisen, von dem ich am Anfang sprach. Das
Bild des Verletzbaren, der aus dem Grauen des Infernos kommt. Auch
das ist der Mensch als Täter und Opfer, Zerstörer und
Zerstörter in einem. Das ist das Motiv. Es ist die Infragestellung
der Entscheidungssicherheit. Wir können uns unseres Selbst
nicht mehr sicher sein, gleich garnicht, wenn wir uns allein auf
vorgegebene Regeln verlassen, seien es Regeln der Moral oder seien
es Regeln der Kunst.
Petrick hat Reproduktionen von Dürers Kupferstich in seine
Gemälde hineingeklebt. Auf den ersten Blick sieht man sie kaum.
Denn das Motiv ist andererseits weiter nichts als der agent provocateur
für den Einstieg in die Lust des Malens, eine Lust, der sich
Petrick ganz hingibt; eine zwanghafte Lust ist das, eine Besessenheit,
eine Orgie. Er kann nicht anders. Er malt nicht allein mit dem Pinsel,
er malt mit Händen und Füßen, er malt mit allen
Fasern seines Leibes. Wenn er malt, ist er voll und ganz im Bild,
er ist körperlich im Bild, er ist selbst ein Bestandteil des
schöpferischen Vorgangs, aus dem das Bild herauswächst.
Diese Intensität spürt man den Bildern an, sie strahlen
sie ab. Deshalb packen sie uns, mit Lust und Grauen, nicht Paradies,
sondern Inferno. Es gibt auch eine Lust der Hölle. Was passiert
da eigentlich?
Zunächst die Menschengesalt: sie erscheint in ihrer physiognomischen
und mimischen Verzerrung. Fratzen der Aggresionen tauchen auf, Grimassen
des Leidens tauchen aus dem Gebrodel hervor, zuweilen erscheinen
sie wie von Wellen an die Oberfläche gespült, Standgut
aus der Tiefsee. Aber auch seltsam zentaurische Wandelgestalten
werden sichtbar, schöne sanfte Köpfe auf massiven tierischen
Körpern, vom heißen Wind aus der Glut hervorgetrieben,
in einer kühlen Zone sich wiederfindend, um dann - stille Menschengestalten
in hilfloser Schönheit - von dämonischen Masken umfangen
zu werden. Höllenbreughel, Bosch und Grünwald grüßen
von hinteren Horizont. Die Vision tritt ins Gedächtnis, die
Faust mitten im Wirbel der Walpurgisnacht von Gretchen hat. "Mephisto
siehst Du dort ein blasses, schönes Kind von Ferne stehen?
Sie schiebt sich langsam nur vom Ort, sie scheint mit geschloßenen
Füßen zu gehn".
Und dann die Haifische.
Die Elementarsphären spielen eine erhebliche Rolle. Die Elemente
sind bis auf den Grund aufgewühlt. Das Elementarische kommt
in den Farben zur Geltung, das brennende Rot, das intensiv schillernde
Gelb, das giftig leuchtende Grün und manchmal ein ziehend helles
Blau. Das brennende Feuer, das wogende Wasser, die Unterwasserstimmung
in manchen Zonen; Ophelia, Undine, das luftige Hellblau, und dann
das Innere der Erde, Schwarz! Der Falke, der Wolf, der Hai.
In der Tat entsteht in Petricks Bildern dadurch eine irrationale
Raumwirkung, daß alle dies Sphären - die flüssige,
die feurige, die luftige und die erdige - bestündig ineinander
übergehen. Der Eindruck von Raumtiefe bildet sich antiperspektivisch,
nicht Kristall, sondern Höhle, Kaverne, Schlucht und Schlund.
Er nimmt uns die Sicherheit unseres gewohnten Orientierungsgefüges,
unseres Gleichgewichts und erzeugt Schwindelgefühl, - Vertigo.
Der Raum wirkt gleich einem Sog, es ist ein strudelnder Saugraum,
der uns das Gefühl vermittelt, daß er uns in den Abgrund
der Bildtiefe hineinzeihen will. Das ist wie ein Traum subkutan,
unter der Epidermis unseres Bewußtseins, dicht unterhalb der
Oberfläche des Tages.
Über der Tür von Petricks Atelier hängt ein Poster
von Max Beckmanns Tryptichon "Abfahrt". Beim Besuch der
Berliner Beckmann - Ausstellung vor einigen Jahren wurde mir plötzlich
schlagartig deutlich, daß Beckmann seine Träume gemalt
hat, auch diejenigen dicht unterhalb des Bewußtseins, Tagnachtträume.
Das wußte ich zwar schon, nicht zuletzt aus Beckmanns Bekenntnissen
in seiner berühmten Ansprache "Über meine Malerei".
Aber man muß es erleben. Das Licht muß einem selbst
aufgehen. Ähnlich Beckmann malt Petrick seine Tagnachtträume.
Aber er malt sie mit eigenen Mitteln. Er malt die Lust - und Alpträume,
die unsere Epoche träumt. Das, was dadurch in Erscheinung tritt,
ist Bewußtseinsinnenraum. Darauf kommt es an. Es ist nicht
mehr nur Spiegelung im Sinne einer gesellschaftskritischen Spiegelungstheorie,
sondern es ist die lebendige Konvergenz unserer Phantasie zwischen
Innen und Außen. Bilder, die wir sonst vielfach unterdrücken,
eine menschliche Projektion der Verheerungen unserer Wirklichkeit
von heute. Wenn man so will, aus einem inneren Reflektor angeleuchtet,
dessen Reichweite groß genug ist, daß er auch die mythischen
Ursprünge aus den Tiefern unseres Bewußtseins mit erhellte,
ohne dabei die Aktualität aus dem Gesichtsfeld zu verlieren.
Eberhard Roters
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